Es war einmal...

Es war einmal ein Riese. Seine Größe war jenseits jeder Beschreibung. Ebenso seine Schönheit. Seine Intelligenz, sein Charme, sein großes Herz, seine Kreativität. Egal was man nennen könnte, er stellte die höchste und reinste Form davon dar.

 

Er war so riesig, dass sein Körper von einem Ende des Universum zum anderen gereicht hätte. Falls es ein Universum gegeben hätte. Dies war aber nicht der Fall. Und so existierte der Riese in einem Zustand puren Seins, indem ihm zwar klar war, wie großartig er war, ihm jedoch jegliche Möglichkeit fehlte, diese Großartigkeit an sich zu erfahren. Es war wie mit einem Rechengenie, dem leider keine mathematischen Aufgaben zur Verfügung standen. Es war wie mit einem Gitarrengenie, das in seinem ganzen Leben keine Möglichkeit haben würde, eine Gitarre in die Hand zu nehmen. Es war wie mit einer wundervollen Mutter, die niemals Kinder haben würde.. Pures und reines Potenzial. Vorhanden und zu allem in der Lage aber doch nur... vorhanden.

 

Der Riese dachte über dieses Dilemma nach. Es reichte ihm nicht, zu wissen, wie großartig er war. Er wollte vom Wissen zur Erfahrung seiner Großartigkeit übergehen. Er wollte nicht nur eine großartige Mutter sein, sondern auch Kinder haben, denen er diese Mutter sein konnte. Er wollte nicht nur ein Gitarrengenie sein, sondern eine Gitarre besitzen, mit der er seine Genialität ausleben konnte. Er wollte nicht nur potentiell ein großartiger Filmregisseur sein, er wollte auch Filme drehen. Er wollte Bücher schreiben, Haare schneiden, Autos reparieren, Flugzeuge fliegen, Steuererklärungen ausfüllen und den Leuten einen schönen Abend wünschen, wenn er ihnen ihre Burger ins Auto reichte. Kurzum: Er wollte sich in seiner gesamten Großartigkeit erfahren. Doch wie sollte er das tun?

 

Nachdem er sich über einen unermesslich langen Zeitraum darüber Gedanken gemacht hatte, fand er schließlich die Lösung. Er benutzte seine gewaltige Schöpfungskraft und erschuf ein Universum voller Planeten. Dort würde er all seine Großartigkeit ausleben können. Aber womit sollte er anfangen? Nachdem er solange darüber nachgedacht hatte, wie er es bewerkstelligen sollte, hatte er jetzt keine Geduld mehr, die Dinge der Reihe nach zu erfahren. Und so teilte der Riese sich in unzählige, kleine Teile, die alle sein Bewusstsein und seine Kraft hatten. Und jeder dieser Teile konnte nun für sich eine dieser vielfältigen Erfahrungen machen, nach denen der Riese sich sehnte. Das Problem dabei war nur, dass jeder Teil wusste, wer er war. Und so sehnte das Rechengenie sich danach, ein Gitarrengenie zu sein und die liebevolle Mutter sehnte sich danach, einen Konzern zu leiten, während ihre Kinder sie ansahen und darüber nachdachten, dass sie auch gerne eine liebevolle Mutter wären und so konnte niemand das Spiel wirklich geniessen.

 

Also griff der Riese zu einer Liste und raubte seinen Teilen das Gedächtnis, so dass sie nicht mehr wussten, wer sie wirklich waren und woher sie kamen. Und so genoss der Konzernleiter seine Tätigkeit, während er den Gitarristen bewunderte, was diesem wieder vor Augen führte, wie großartig er war. Und beide zeigten der wundervollen Mutter, wie großartig sie war, während diese der Polizistin gegenüber ihre Bewunderung zum Ausdruck brachte. Und er erschuf das Gegenteil von allem, was er war, damit seine Geschöpfe die Möglichkeit hatten, einen Bezugspunkt zu finden, der es ihnen ermöglichte, sich selbst zu definieren. Und Situationen, anhand denen sie für sich selbst entscheiden konnten, wer sie angesichts dieser Situationen sein wollten.

 

Und unser Riese erlebte es mit. Er sah alles, was geschah, spürte jede Emotion, hörte jeden Herzschlag und erlebte sich in seiner ganzen Großartigkeit. Er sah durch alle Augen, lachte jedes Lachen, weinte jede Träne und sein Dasein war erfüllt.

 

Und weil er seine Geschöpfe so sehr liebte (die in Wirklichkeit er waren, was er wusste, sie aber nicht), schenkte er ihnen die Möglichkeit, sich als das zu erkennen, was sie wirklich waren. Und die Möglichkeit, es nicht zu tun. Denn er wollte, dass das Spiel nicht sofort enden würde. Und so vergingen die Jahrtausende und ab und zu ging jemandem die Wahrheit auf und der zeigte sie dann anderen, von denen manche sie begriffen und andere sie ablehnten. Platon schrieb sein Höhlengleichnis, Buddha erhob sich von seinem Platz unter dem Baum und viele andere taten das Gleiche.

 

Er erschuf die Liebe, um der Welt das Geschenk seiner wahren Natur zu machen und erlaubte es seinen Geschöpfen, ihre wahre Natur darin zu fühlen. Er erschuf die Angst, damit sie die Möglichkeit hatten, sich von einem Ort, der keine Liebe war, zu einem Ort zu begeben, der Liebe war. Denn was wäre die Liebe wert, wenn sie so selbstverständlich wäre wie die Sterne am Himmel? Und wie sehr wurde sie gefeiert, wenn sie gefunden wurde!

 

Manchmal musste er seine Kinder trösten. In jenen Momenten, in denen sie sich von all der Großartigkeit entfernten und doch tatsächlich daran glaubten, er hätte sie verlassen. Doch er teilte ihre Sorgen nicht, da er wusste, dass alles gut war und nichts schief gehen konnte. Im schlimmsten Fall würden sie nach ein paar Jahrzehnten wieder zu ihm zurückkehren und dann die Wahrheit erkennen und wieder glücklich sein. Im besten Fall würden sie es vorher schaffen.

 

Und manche suchten Ihr Leben lang nach einen Weg in den Himmel und fanden ihn nicht, da sie sich längst dort befanden. Und manche hatten soviel Angst davor, in die Hölle geschickt zu werden, dass sie sich gleich freiwillig dort niederließen.

 

Und das große Spiel geht weiter.. Für immerdar..

 

Fred Guggenberger