17.4.2011

Der Künstler und die Welt

"Weisst Du Fred, echte Künstler haben einfach eine Schraube locker. Aber damit muss man leben" - Diese Worte richtete einst eine sehr gute Freundin an mich, die mit einem (erfolgreichen) Künstler verheiratet war. Wir standen in der Küche und unterhielten uns über einen Fall, indem der Pfannkuchen an der Decke hängen geblieben war. "Es ist besser wenn ich koche". Sie lachte und zwinkerte mir verschwörerisch zu. 

 

Ich habe damals gelacht bei dem Gedanken, einen Pfannkuchen aus der Pfanne heraus bis an die Decke zu schleudern. Ich weiss nicht, ob er dadurch besser geschmeckt hatte. Immerhin hatte ich ein paar Wochen zuvor für großes Gelächter gesorgt, als sie mit ihrem Mann bei mir zum Essen gekommen war. Wir hatten uns köstlich unterhalten und wie es halt so kommt, war mir dabei das Essen in der Pfanne angebraten. Eigentlich stand es in Flammen und ihr Mann hatte geistesgegenwärtig die Pfanne vom Ofen gerissen und war damit zum Fenster gestürmt. Eigentlich wollte er nur verhindern, dass der Rauch die Wohnung durchdringt aber ich hatte spontan: "Nein, nicht das Essen aus dem Fenster werfen!!" gerufen. Sein Gesichtsausdruck war köstlich und meiner tief betreten, als er mir sagte, dass er das rauchende Essen nur aus dem Fenster halten wollte. 

 

"Echte Künstler haben einfach eine Schraube locker". In dem Fall war ich es, bei dem man die Schraube hätte nachziehen sollen aber immerhin hatten wir für die nächsten Wochen und Monate ein Gesprächsthema, bei dem wir immer wieder laut lachen mussten. 

 

Doch was steckt dahinter? In 2009 hatte ich das Vergnügen, mit Kirsti Manna auf Tour zu gehen. Sie hatte in den USA eine eigene Fernsehserie mit 34Mio Zuschauern, ist eine erfolgreiche Hitkomponistin, war Maskottchen einer Modekollektion und gibt in den USA Workshops für Frauen, in denen sie ihnen hilft, ihr kreatives Potential zu entfalten. Während der viel zu kurzen Zeit mit Ihr durfte ich sie auch bei ein paar Workshops assistieren und dabei viel mir u.a. auf, wie sehr sie die Leute ermutigte. Oder andersherum: Wie sehr es gerade Ermutigung ist, die Leute wie wir, also Künstler, brauchen. Das Thema "Schraube locker" stand dabei im Mittelpunkt. Irgendwann im Lauf eines Workshops forderte sie die Leute dazu auf, sich zu erheben, die Hand auszustrecken und "Ich bin verrückt" zu rufen. "Steht dazu, es ist großartig!". Es ist schwierig, in Worten auszudrücken, was sie in den Leuten positives auslöste. Fest steht: Als Künstler haben wir oft ein Problem: Wir haben eine Schraube locker, oder glauben dies zumindest. Und wenn wir es nicht glauben, ist es oft genug unsere Umwelt, die es so sieht und dafür sorgt, dass wir es schließlich auch so sehen. 

 

Ist es so? Als Künstler sind wir vor allem schöpferisch tätig und irgendwie... anders. Wir lesen etwas in der Zeitung und machen einen Song daraus. Wir schauen aus dem Fenster, betrachten den Himmel und irgendwie spüren wir etwas in uns, dass wir kurz darauf ausdrücken: In Worten (Gedicht), Musik, einem Bild, dass wir malen, oder in Form einer Geschichte, die wir schreiben. Unsere Umwelt freut sich immer sehr über neue Geschichten, Gedichte, Bilder oder Songs. Die Begeisterung weichte dann allerdings schnell einem befremdenden Gesichtsausdruck, wenn man uns fragt, wie wir dazu gekommen sind, dieses Gemälde, Gedicht, Musikstück zu erschaffen: "Ich habe aus dem Fenster geschaut und den Himmel betrachtet". Wenn wir Glück haben ist ein "Aha....." noch die netteste Antwort. Der Blick sagt jedenfalls eines: "Die hat eine Schraube locker". Andererseits hört man dann wieder oft Sätze wie: "Ich wünschte, ich könnte das auch". 

 

Wenn es stimmt, dass jeder Mensch über ein gewisses Kreativitätspotential verfügt, so besteht der Unterschied zwischem einem Künstler und dem "Rest" darin, dass der Künstler sich nicht davor scheut, einfach aus dem Fenster zu schauen und seine Antennen für das auszufahren, was dort zu ihm spricht. Keith Richards meinte einmal, niemand würde Songs schreiben. Sie flögen durch das Zimmer und man müsste nur den Finger ausstrecken, damit sie hängen bleiben. Das Fiese ist, dass Keith Richards seit über 40 Jahren Rockklassiker schreibt und ein solcher Satz von ihm zu bewunderndem Aufblicken führt. Aber Lieschen Müller aus Buxtehude sollte lieber nicht laut sagen, dass sie in den Himmel starrt und dann Geschichten darüber schreibt. Zumindest sollte sie damit warten, bis ihre Geschichten sich millionenfach verkauft haben. Dann kann sie es sagen und unzählige Menschen werden dann täglich in den Himmel starren, um zu begreifen, was Lieschen Müller da an fantastischem Talent besitzt.

 

Der Punkt ist, das Lieschen Müller es nur schwerlich zur nächsten J.K. Rowling bringen wird, wenn sie ihrer Umwelt zu früh erzählt, was sie in den Wolken sieht. Spott und Gelächter werden dafür sorgen, dass sie bald daran glaubt, eine Schraube locker zu haben, worauf sie den "ganzen Blödsinn" bleiben lassen wird, um endlich "erwachsen und vernünftig" zu werden. Vielleicht wird sie in ferner Zukunft, wenn die Kinder aus dem Haus sind, einen Töpfer-Kurs bei der VHS belegen, um dem Ruf, den sie so lange ignoriert hat, zumindest zum Teil nachzukommen. 

 

Haben Sie manchmal auch das Gefühl, eine Schraube locker zu haben? Die gleiche Schraube, von der ich hier spreche? Ich sage Ihnen: Sie müssen sich nicht dafür schämen. Unabhängig davon, ob sie es damit zu Wohlstand bringen werden oder nicht: Sie gehören zum Kreis der Leute, dem auch Goethe, Mozart, Bach, Gershwin, Picasso, Spencer  Tracy, Glenn Miller, John Malkovich, Keith Richards, Clint Eastwood, Wagner, Mark Knopfler, Michelangelo, Da Vinci, Clapton, Thomas Mann, Tolkien, die Beatles und viele andere prominente "Verrückte" angehörten oder angehören. Die Welt braucht Menschen wie Sie. 

 

"Aber alles was ich kann, ist Geschichten zu erfinden, die ich meinen Kindern vor dem Bett gehen erzähle". Seien Sie stolz darauf: Es gibt Leute, die Ihren Kindern gar nichts erzählen ausser: "Warum habe ich damals nicht aufgepasst", oder "Ich hau Dir gleich eine rein". 

 

Ein/e Künstler/in ist jemand, der nie die Fähigkeit verloren hat, das Leben als ein großes Wunder zu betrachten. Wenn das alles ist, was sie zu bieten haben, können Sie sehr stolz auf sich sein. Es bedeutet, dass Sie den "grauen Herren" getrotzt haben. Es bedeutet, dass Sie einen Gegner besiegt haben, dem viel zu viele unterlegen waren. Das Leben ist ein Geschenk an Sie und Sie sind ein Geschenk an die Welt.

 

Lassen Sie die Schraube so, wie sie ist. Und wenn IHRE Schraube zu streng angezogen sein sollte, so holen Sie sich einen Schraubenzieher und lockern Sie sie etwas. Tanzen Sie mal wieder im Regen, oder gehen Sie in die Natur und holen Sie sich ein paar schöne Steine nach Hause. Segnen Sie das Leben und es wird Sie segnen. 

 

Und wenn Sie ganz mutig sind, dann heben Sie in einem unbeobachteten Moment die Hand und sagen Sie: "Ich habe eine Schraube locker.... und es ist toll!".

 

Herzlichst:

 

Fred Guggenberger