18.11.2011
Über Zwangsjacken
Ich bin in meinem Leben viel herumgekommen. Auch wenn manche glauben, als Musiker (um nur einen Teil meines Lebens auszuwählen) würde das Leben darin bestehen, zu proben, aufzutreten und sich mit Alkohol, Drogen und Frauen (eine pro Abend natürlich.. mindestens!) "wegzuschiessen".
Auf mich trifft dies nicht zu, obwohl ich Leute getroffen habe, auf die es teilweise oder auch ganz zutraf. Ich kann sagen, dass die Musik mir viele Türen geöffnet hat, die mir aufgrund meiner Herkunft oder Position in der Gesellschaft (was für ein Begriff...) auf normalem Wege verschlossen geblieben wären. Und Türen zu Orten, die ein Junge vom Land auch nicht unbedingt findet...
Ich habe für Adelige gesungen, in ihren Schlössern übernachtet, in schmutzigen Kneipen für Menschen gesungen, die durch das Leben gebrochen worden waren und deren einzige Freude darin bestand, ihr Lieblingslied live zu hören. Von einem Typen, den sie nicht kannten aber umarmten, wenn er von der Bühne kam. Ich habe viel erlebt...
Und viel nachgedacht.... Eine Tätigkeit, die Segen und Fluch sein kann...
Seit zwei Jahren betreue ich nun geistig behinderte Menschen. Eine Sache, die in Gesellschaft die unterschiedlichsten Reaktionen auslöst. Von Bewunderung über Angst. Ich weiss nicht, ob es Angst machen sollte, für jemanden das Essen zu kochen, der ein Problem mit Zahlen hat, ansonsten aber ein ganz normaler Mensch wie Du und ich ist. Aber "Ich gebe Dir drei Fünf-Euro-Scheine für Deinen Hunderter, was hältst Du davon?", "Drei Scheine gegen einen?? Super Geschäft!!" ist eine Sache, die dafür sorgt, dass ein solcher Mensch im sogenannten "normalen" Leben nicht weit kommen würde. Manche denken, ich würde den ganzen Tag Leute versorgen, die in irgendwelchen Zwangsjacken stecken. "Oh mein Gott, er betreut Hannibal Lector...". Letztes Jahr bin ich mit einem Bus voller Geistig Behinderter Erwachsener ins Kino gefahren und irgendein Idiot nahm uns die Vorfahrt. Ich konnte nur durch eine Vollbremsung verhindern, dass es zum Zusammenstoß kam und einer meiner "Jungs" schrie daraufhin wutentbrannt aus dem Autofenster zu dem Kerl hinüber: "Hauptsache, wir sind blöd!!".
Mein Freund mit dem Zahlenproblem wäre jedenfalls nicht auf die Idee gekommen, vor einen herannahenden Bus zu fahren, in der Hoffnung, dass dieser schon bremsen wird.. "Hauptsache, wir sind blöd...".
Sprechen wir über Zwangsjacken:
Wir kommen irgendwann zur Welt und schon steckt man uns in die erste Zwangsjacke. Wir machen die Erfahrung, dass wir geliebt werden.. wenn wir alles so machen und so sind, wie unsere Eltern es sich wünschen. Wenn nicht, gibt es Liebesentzug, oder sogar Prügel. Erziehung? Dressur wäre wohl eher der passende Begriff...
Wir finden unseren Weg in eine Gesellschaft (es beginnt schon auf dem Schulhof), die gewisse Regeln aufstellt. "Deine Klamotten sind uncool, spiel woanders...". Später hören wir vielleicht nicht die "angesagte Musik" oder tragen wieder die falschen Klamotten und müssen woanders spielen. Das Problem ist, dass wir nicht woanders spielen wollen. Also fügen wir uns ein und.. fertig ist die nächste Zwangsjacke...
Weitere Zwangsjacken gefällig? "Du musst in dem Alter heiraten, in dem Alter Kinder kriegen, in dem Alter ein Haus haben..." und in Alter XY geschieden werden und ein Trümmerfeld hinterlassen.... oder bleiben und verkümmern.... Und wir tun es, weil es weh tut, wenn wir nicht dort spielen dürfen, wo die anderen spielen... egal ob es um Urlaubsziele, Mode oder weiss der Kuckuck was geht..
Und manche von uns fliehen vor den Zwangsjacken und haben irgendwann mehr Angst und Sorgen, als gut für sie ist. Die Angst, in einer Zwangsjacke zu landen, kann auch zur Zwangsjacke werden. Vielleicht die heimtückischste von allen..
Was wäre, wenn wir endlich den für uns besten Weg finden würden? Glücklich sein und auf uns selbst hören? Können wir es aushalten, wenn Leute meinen, wir sollten gefälligst woanders spielen gehen? Gibt es nur einen Spielplatz?
Denken Sie darüber nach... Aber Vorsicht, sie könnten dabei den Verstand verlieren und das könnte eine äußerst befreiende Erfahrung werden...
Aber vielleicht sollten Sie auch nicht auf mich hören.. Ich meine, ich bin ja nur der Kerl, der Hannibal Lector betreut und ausserdem ein Musiker.. Sie wissen schon: Die Leute, für die es im Leben nur um Drogen und Alkohol und Frauen geht... Eine pro Abend.. Mindestens!
Singer/Songwriter Composer Solo-Artist
Guitarplayer Pianoplayer Producer
Stage and Studio
