Bio - Wie alles anfing und wie es dann weiterging

Manche sagen, dass der Rock´n Roll, als er in den 1950er Jahren in Erscheinung trat, die Welt wie ein Erdbeben erschüttert hat. Als Elvis, Bill Haley, Chuck Berry, Jerry Lee Lewis und all die anderen Rock´n Roll Helden in Erscheinung traten, veränderten sie das Antlitz der Gesellschaft, wie das Leben vieler Menschen für immer.

 

Es ist wahr. Ich weiss dies aus eigener Erfahrung. Ich war fünf Jahre alt, als der Plattenspieler zuhause "Rock around the clock" durch das Zimmer feuerte. Ein Moment, der meine damals kleine Welt  auf den Kopf stellte, ein immerwährendes Feuer entzündete  und den Weg vorgab.

 

Ich sollte hinzufügen, dass ich, zumindest jahrgangstechnisch, kein Kind der fünfziger Jahre bin. Ich wurde in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts geboren. Lange Jahre nach der "Rock´n Roll Explosion" und zu einer Zeit, als in England und den USA gerade das grosse Rock´n Roll Revival entstand, dass die in Vergessenheit geratenen Helden wieder auf die Bühne holte. Nicht selten in ausverkauften Stadien. Aber von all dem bekam ich damals nichts mit. Ich war ein fünf Jahre alter, bayerischer Knirps, der "Razzle Dazzle" auf dem Plattenspieler laufen hatte und dazu, wild singend und schreiend, durchs Zimmer sprang. Kurz darauf bekam ich ein billiges Keyboard als Weihnachtsgeschenk und begann damit, alle Songs, die ich kannte, darauf zu spielen. Alles, was mein Ohr hörte, konnte meine Finger auch sofort spielen. Eine Begabung, die nicht unentdeckt blieb und schon bald hörte ich immer wieder, dass "dieses Kind unbedingt gefördert werden muss". 

 

Das Problem dabei war, dass meine bevorzugte Musikrichtung "Rock´n Roll" hiess und ich auch nicht davor zurückschreckte, die Werke grosser klassischer Komponisten entsprechend durch den Wolf zu drehen. Jerry Lee wäre stolz auf mich gewesen. Die Musiklehrer waren es wohl nicht.

 

Es ist einer wundervollen jungen Dame zu verdanken, dass ich dann doch Unterricht bekam. Wir machten einen Deal: Ich lernte alles, was sie mir gab und im Gegenzug durfte ich rocken und rollen, soviel ich wollte. Unsere Vereinbarung klappte bestens und ich machte schnelle Fortschritte in "beiden Lagern". 

 

Unsere Zusammenarbeit endete leider als ich meine Faszination für die zweimanualige Orgel entdeckte und die nette Dame, die Klavierlehrerin war, vor dem "hölzernen Monster" kapitulieren musste. Ich spielte also nun auf zwei Tastaturen gleichzeitig, während meine Beine in die Pedale traten und Bassläufe spielten. Was für ein Vergnügen!! Leider musste ich mich dadurch auch wieder auf die Suche nach jemanden begeben, der mir mehr darüber beibrachte und wieder scheiterte es an der Toleranz meiner Umwelt für die "Negermusik", die ich spielte. Ich machte aus der Not eine Tugend und machte alleine weiter. Ich besorgte mir Berge von musikalischer Fachliteratur und studierte die Musik von Glenn Miller, was mir sehr weiterhalf.

 

Mit 13 hatte ich meinen ersten "richtigen" Auftritt auf einer Silberhochzeit und ein paar Jahre später, mit 16, spielte ich ein paar Auftritte mit einer Oldie-Band. Einer der Gitarristen in der Band meinte, ich solle mir mal "Tulsa Times" von Eric Clapton anhören, da der Keyboarder dort "so ähnlich wie ich spielen würde". Er gab mir eine Kassette mit dem Song und ich glaube, ich habe die Kassette so oft angehört, bis das Band in Fetzen hing. Also zog ich los und besorgte mit in einem Plattenladen das Album "Just one night" von Eric Clapton. "Tulsa Times" war der erste Song auf der Platte und die nächsten sechs Monate hörte ich nur diesen einen Song an. Irgendwann beschloss ich dann, mir die restliche Platte zu gönnen und eines Abends sass ich dann auf meinem Bett, schaltete das Licht aus und liess die Platte laufen. Was an diesem Abend genau passierte, kann ich nicht sagen aber als die Platte zu Ende war, stand für mich fest, dass ich lernen wollte, genauso Gitarre zu spielen. 

 

Aufgrund der negativen Erfahrungen im Tastenbereich nahm ich mir vor, die Sache ebenfalls auf eigene Faust zu schaffen. Ich schlachtete sämtliche Sparschweine und mein knappes Lehrlingsgehalt und besorgte mir eine billige, elektrische Gitarre und einen billigen Verstärker. Da sass ich nun mit der Gitarre und hatte keine Ahnung, wie mann mit dem Ding umging. Ich hatte seit ein paar Jahren eine Akkustikgitarre und hatte ein paar Akkorde aus einem Lehrbuch gelernt aber bis dato war ich damit zufrieden gewesen, ein paar Songs von Hans Söllner zu singen und mich mit der Gitarre zu begleiten. Jetzt aber ging es um die Wurst und ich versuchte, die Klaviertastatur auf die Seiten zu übertragen. Ich endete damit, dass ich auf einer Seite, die jetzt meine Tastatur war, Tonfolgen spielte. Doch da waren fünf weitere Saiten und manche Töne tauchten an verschiedenen Stellen auf dem Griffbrett gleich mehrmals auf. Harte Kost für einen Tastenspieler, der bisher einfach vom linken Ende der Tastatur zum rechten gedacht hatte. Ich nahm mir vor, die zweite Saite miteinzubeziehen, da ich so nicht immer so grosse Sprünge machen musste, um von einem Ton zum anderen zu gelangen und "baute Strassen auf dem Griffbrett". Irgendwann klappt es dann mit allen Saiten und ich machte mich daran, die Solos von Eric Clapton nachzuspielen. Was zu schwierig für mich war, glich ich durch eigene Ideen und Tonfolgen aus. Dennoch muss ich gestehen, dass alles, was ich zu der Zeit spielte, schlichtweg zu 80% von Clapton gestohlen war.

 

Meine "Diebeslaufbahn" nahm ein jähes Ende, als ich an einer Session mit befreundeten Musikern teilnahm und mir einer von ihnen sagte: "Du hörst Dich an wie Clapton". Ich nehme an, es war als Kompliment gedacht aber abgesehen davon, dass ich Lichtjahre von seiner Grösse entfernt war, wurde mir in dem Moment auch klar, dass ich mich auf dem falschen Weg befand. Ich war ein drittklassiger Clapton Klon und selbst wenn ich es zu einem erstklassigen Klon bringen würde, wäre ich doch immer noch ein Klon.

 

So fuhr ich nach Hause (mittlerweile war ich 18) und beschloss, meine Einflüsse zu erweitern. Ich kaufte mir im Lauf der nun folgenden Jahre CD´s von B.B. King, Jeff Beck, Stevie Ray Vaughan, Mark Knopfler, Gary Moore, Van Halen, Buddy Guy, hörte Steve Cropper, Pink Floyd und einiges mehr. Was meine Bühnenaktivitäten betrifft, so spielte ich in diesen Jahren mit jedem, der mich auf die Bühne liess und ich lernte von ihnen allen. Ich spielte Reggae mit einer Band aus Jamaica, Country mit einem Sänger aus Texas, Blues, Rock, Hard-Rock, ich hatte Auftritte mit einer Pop-Band und sass bei einer Volksmusik Show am Mischpult. Ich war unersättlich und alles und jeder, von dem ich etwas lernen konnte, war willkommen. Dass ich in der Zeit auch öfters mal über den Tisch gezogen wurde, gehört wohl dazu. Ich werde nie den Auftritt vergessen, bei dem der "Star des Abends" die vereinbarten 18.000 (in Worten: Achtzehntausend!!) DM Gage abholte und mir dann lächelnd 50 (in Worten: fünfzig:-) in die Hand drückte. "Für´s Benzin. Du spielst super, hast Du nächste Woche wieder Zeit?". Ich nahm mir vor, nie wieder Zeit für ihn zu haben. Das Erlebnis hat sich wohl bei mir eingebrannt, denn ein Jahr später trat ich mit einem Alleinunterhalter auf, der mir zwei Sekunden vor dem ersten Lied zuflüsterte: "Kriegst dann schon was für´s Benzin". Zwei Sekunden nach dem ersten Lied lag die Gitarre im Koffer und ich war auf dem Weg nach draussen. Er entschloss sich dann, die Gage des Abends doch etwas fairer mit mir zu teilen. 

 

Während der ganzen Zeit entstanden auch eigene Songs, die auf den immer gleichen Cassetten landeten, an die immer gleichen Plattenfirmen geschickt wurden und die immer gleichen Absagen erhielten. "Zu anspruchsvoll", "zu retro", "zu progressiv", "ein Bayern muss Volksmusik machen". "Sie sind ja schon über 20" etc.. Aus den Cassetten wurden CD´s und ich war immer noch über zwanzig und aus Bayern..

 

Schliesslich klappte es dann beinahe mit einer Band, in der ich Gitarrist war. Ein Sponsor buchte das teuerste Studio, einen Top-Produzenten und es entstand eine CD, die eigentlich etwas erreichen hätte können. Eigentlich... Ich traf mich eines Abends mit dem Sänger und er spielte mir im Auto die abgemischten Aufnahmen vor. Auf meine Frage, warum wir uns die Songs denn im Auto anhörten, meinte er nur: "Ich darf die Songs aussenstehenden nicht vorspielen aber da wir gute Freunde sind....". Kurz darauf war aus der Band ein Solokünstler geworden. Ich habe ihn aus den Augen verloren aber das letzte was ich hörte war, dass er statt bei "Top of the pops" im Knast gelandet war. Das Business kann hart sein...

 

Und auch eine weitere Band hätte es beinahe geschafft. Leider brachen wir während der Vertragsverhandlungen auseinander...

 

Ich hatte danach die Nase voll, mein Glück ständig von anderen abhängig zu machen und baut mir ein "richtiges Studio", um unabhängig zu sein. Dort entstanden auf acht Spuren meine ersten Produktionen. Darunter das "Christmas Dance Medley" und "Marching Angels" mit denen die Showfunken 1999 die Europameisterschaft gewannen. Ich rüstete auf 16 Spuren hoch und machte eine Reihe von Radio-Werbespots, die guten Anklang fanden. Sobald es allerdings um eine Laufbahn als Solokünstler ging, war wieder der Ofen aus. Ach ja, ich war mittlerweile 30.. böse Falle..

 

"Sind sie verrückt, in dem Alter geht man als Künstler in Rente!!!".

 

Schliesslich kam es dann zu einem denkwürdigen Abend, der mich auf die richtige Spur brachte: Ich war im Schlachthof in München, bei Songwriters Live. Die Veranstalterin, Ellie Weinert ist eine sehr nette Amerikanerin, die in München lebt und in ihrer Show regelmässig eine Reihe toller Künstler vorstellte. Ellie betreibt mit "Songs Wanted" auch einen brancheninternen Informationsdienst, den Plattenfirmen und Musikverlage nutzen, um nach Songs zu inserieren. Ich war zu dem Zeitpunkt zähneknirschend zu der Erkenntnis gekommen, dass es wohl nie etwas mit der Musik werden würde. Auch wenn mir die Begründungen nicht gefielen aber.. naja.

 

Ich unterhielt mich an dem Abend mit Ellie und sie gab mir nicht nur einen freundlichen Tritt in den Hintern, sondern forderte mich auch auf, mir die Leute an dem Abend anzusehen. Was soll ich sagen? Mir ging es ähnlich wie Jake Blues in "Blues Brothers", der bei einem Gottesdienst seine Erleuchtung hatte: All diese Leute dort waren keine Superstars aber sie zogen ihr Ding durch und machten die Musik, die sie liebten: Ihre Eigene! Scheissegal ob irgendjemand das nun richtig fand oder nicht. Und da saß ich: Der Kerl, der von einem Auftritt zum nächsten raste, gutes Geld damit verdiente, in irgendwelchen Bierzelten "Anton aus Tirol" zu spielen und Demos in der Welt herumschickte, in der Hoffnung "entdeckt zu werden" und irgendwann mit meiner eigenen Musik erfolgreich auf die Bühne gehen zu können. Wie blöd war ich eigentlich?

 

In der nächsten Woche sagte ich "Anton aus Tirol" lebewohl und beschloss, nun meine Zeit und Energie in meine eigene Musik zu stecken. Und wenn keine Plattenfirma mich mochte, würde ich eben meine eigene Plattenfirma sein! Zum Henker!

 

An dem Abend im Schlachthof traf ich auch Veronika Faber, eine tolle Künstlerin aus München, die mir von Myspace erzählte. Ich eröffnete dort einen Account und stellte meine ersten Songs ins Netz. Ein paar Wochen passierte gar nichts. Und dann stand da: "Hello Fred, we love ya here" im Gästebuch..  Absender war der Fanclub des US-Bluesmusikers Michael Harrison. Weitere Musiker und Musikfreunde aus den USA folgten. Es führte zu der Erkenntnis das, wenn man mich und meine Musik hier nicht mochte, dies nicht automatisch für den Rest der Welt gelten muss. Und auf meinem Tisch lag eine CD mit einem neuen Song: "Who killed Alex?", der sich mit dem stellenweise menschenverachtenden Umgang in der heutigen Zeit , sowie einem Amoklauf als Folge dieses Verhaltens befasst. Ich dachte, es wäre der letzte Song, den irgendjemand hören möchte.. Ich hatte wieder mal keine Ahnung aber davon sehr viel..

 

Ich stellte "Who killed Alex?" und ein paar weitere Songs ins Internet. Kurz darauf lag ich im Krankenhaus und als ich wieder herauskam, war mein Email-Postfach brechend voll. Was war geschehen? Nun, "Who killed Alex?" hatte bei Broadjam den ersten Platz in den Rockcharts erreicht. Kurz darauf lief ich in den USA im Radio und Hippo Radio in Schottland erklärte mich zum "Featured Artist" und einem der Lieblingskünstler des Sender-Inhabers. Jeden Sonntag bekamen die Hörer ausgiebig Fred Guggenberger auf die Ohren. Kurz darauf nahm mich Radio Aria ins Programm und spielte "Lie to me" in einer Bluesrock-Sendung, zusammen mit Songs von John Lee Hooker, John Mayall, Alexis Korner und anderen Legenden. In Frankreich und Luxemburg. Weitere Sender in anderen Ländern folgten und bei Broadjam hagelte es Top10 Platzierungen. 

 

Nachdem ich Jahre lang vergeblich an den Türen der Plattenfirmen geklopft hatte, sah ich nun einen Hoffnungsschein. Leider sah nur ich ihn. "Musik für alte Leute... über 20.. da wollten wir nicht hin", war die Antwort und wieder wurde mir meine bayerische Herkunft "vorgehalten", da es nicht glaubwürdig wäre, dass ein Bayer so klingt. 

 

Hilfe kam aus den USA. Dank eines Tonträgervertriebs dort landete mein Album "Let me in" in den Katalogen von 2400 Plattenläden. Davon 1800 in den USA, der Rest über den Erdball verteilt. Als ich "Let me in" bei Amazon als "USA-Import" sah, fühlte sich das zwar komisch an, da ich ja aus Deutschland bin aber es war ein grosser Schritt vorwärts. Ich fand Gefallen an der Unabhängigkeit und als wieder "Sie klingen zu amerikanisch für einen Bayern" eine Absage begründete, beschloss ich, ein Ei darüber zu hauen. Ich hatte alles, was ich brauchte.

 

Emails mit Anfragen aus den USA, wann ich dort auftreten würde, führten schliesslich zu dem immer wieder kehrenden Hinweis: "Geh nach Nashville.. Dort werden sie Dir helfen". Ich konnte mir das nicht wirklich vorstellen, da Nashville mit 35.000 Songwritern nicht wirklich eine Stadt ist, die darauf wartet, dass noch jemand kommt aber meine neuen Freunde gaben nicht nach. Als eine nette Dame mir sogar anbot, in ihrem Haus in den USA wohnen zu können (Sie wohnt in Australien), beschloss ich, es doch zu versuchen. Kurz darauf erhielt ich eine Einladung, in einer Show in Nashville aufzutreten. Im Januar 2008 bestieg ich das Flugzeug. Ich kannte zwei Leute aus der Stadt per Email und das war es. Was würde mich dort erwarten?

 

Was soll ich sagen? Vom ersten Augenblick an war es wie ein wundervoller Traum: Unglaublich schön. Ich wohnte im Haus von Lorna Flowers, einer Songwriterin aus der Stadt, die mich in die Gemeinschaft der Songwriter einführte, wo ich zahlreiche Freunde und Gleichgesinnte fand. Und diese stellen mich wieder ihren Freunden vor. Als ich am dritten Tag meinen Auftritt bei "Writers on the rise" hatte, kannte ich bereits  zahlreiche Leute aus dem Publikum und es wurde ein unvergesslicher Abend. Moderator an dem Abend war Jeffrey James Sutherland und ich teilte mir an dem Abend die Bühne mit Leuten wie Rick Stewart, Mark Stephen Jones, Suzie Hughes, Marghi Allen, wie einem Ehepaar namens Don und Karen McNatt. Mit den letztgenannten führte ich noch ein längeres Gespräch auf dem Parkplatz. Wir tauschten CD´s und Visitenkarten aus und die beiden erzählten mir, dass sie bald nach Deutschland kommen würden, um gemeinsam mit C.B. Green ein paar Konzerte zu geben. Mark Stephen Jones präsentierte den "Red, White and Pink Slip Blues", ein Song, der mich monatelang noch beschäftigte. Offenbar nicht nur mich, denn ein Jahr später stürmte Hank Williams Jr. mit dem Song die Charts und Mark war "im Geschäft". Vor kurzem habe ich mir das neue Album von Lynyrd Skynyrd ("Sweet Home Alabama") gekauft und dort einen Song von ihm entdeckt. Er hat es geschafft und er hat es mehr als verdient. Der "Red, White and Pink Slip Blues" ist seine Geschichte und jeder, der nach all dem, was Mark durchstehen musste, wieder zurück findet und aus dem tiefsten Loch ganz nach oben stürmt, hat jeden Erfolg dieser Welt verdient. Gott schütze ihn, er hat an dem Abend uns allen gezeigt, wie intensiv und schmerzhaft ein Song sein kann. Vor allem, wenn man weiß, wovon man singt..

 

Lorna verhalf mir zu einer Mitgliedschaft in der NSAI (Nashville Songwriter Association International), von der ich in der folgenden Zeit stark profitierte: Ich durfte Workshops besuchen, die von Größen wie Vince Gill, Victoria Shaw, Gary Burth oder John Ims abgehalten wurden und zu einer Zeit, als ich dachte, ich wüsste, wie man Songs schreibt, brachten diese Leute mir bei, wieviel Platz noch nach oben war und was es alles zu lernen gab. Ich traf mich untertags mit Leuten (Herzlichen Dank an Pippy Lorraine, die mir mehr als unter die Arme griff und Joe Hrasna, der mich überall hinfuhr) und verbrachte die Nächte in Lornas Haus damit, Bücher über Dramaturgie, Songaufbau und "alltägliche amerikanische Redewendungen" und Musikrecht zu lesen, die mir Lorna zur Verfügung stellte. Ein paar Tage vor meiner Abreise nahm sie mich schliesslich zu einem Auftritt ihrer Freundin Kirsti mit. Wir verstanden uns auf Anhieb und als sie mit "Entschuldige mich bitte Fred, ich muss jetzt zur Bühne" davonmarschierte, wusste ich noch nicht, dass ich ein paar Minuten später wie vom Blitz getroffen auf meinem Stuhl sitzen würde. Kirsti blies uns alle weg. Im Anschluss an den Auftritt saßen wir bis in die Morgenstunden auf einer Couch im Nebenraum und unterhielten uns. Schliesslich tauschten wir Visitenkarten und ich erfuhr, dass "Kirsti" keine geringere als Kirsti Manna war. Die berühmte Hitkomponistin und Fernsehmoderatorin, die mit ihrer Show "Kirstis Manor" 34 Millionen Zuschauer vor den Fernseher gelockt hatte. Bevor ich das wusste hatte ich zugesagt, gerne mit ihr ein paar Auftritte in Deutschland zu spielen. Als ich erfuhr, wer sie war, sank mir das Herz in die Hose aber tatsächlich brachten wir es bereits ein Jahr später auf gemeinsame Konzerte in Deutschland. 

 

An einem der Abende in Nashville war ich zu Gast auf Joe Hrasnas Geburtstagsfeier und machte Bekanntschaft mit den schärfsten Chicken Wings in der ganzen Stadt. Da saß ich nun am Tisch und verbrannte förmlich, was ein grosser Spaß für alle Beteiligten, einschließlich mir selbst war. Ich erhielt den Spitznamen "Mr. Chicken Wings", der mich die gesamte restliche Zeit in der Stadt begleitete. Ich beschloss, mich zu revanchieren und schrieb auf dem Rückflug nach Deutschland einen Song über den Abend, den ich "Bring me some water" nannte. Er brachte mir Monate später meinen ersten Vertrag in Nashville ein aber zu dem Zeitpunkt dachte ich nur darüber nach, ob er meinen neuen Freunden gefallen würde, wenn ich wieder in die Stadt zurück kehren würde. Und wie lange es dauern würde, bis die Schmerzen im Hals von dem verdammten Gewürz wieder verschwinden würden.

 

Da ich von Nashville nach Atlanta, von dort nach Washington und schliesslich nach München flog, war ich 17 Stunden unterwegs. In der Zeit entstanden weitere Songs wie "17 hours to Nashville" und die Anfänge von "Girl from the Northeast", den ich zuhause fertig schrieb und der Sherry Marsicano und ihrem Gatten Jerry gewidmet ist. Jerry hatte in Los Angeles als Tontechniker für Leute wie Guns´n Roses und Aerosmith gearbeitet, bevor er Sherry traf, heiratete und mit ihr und den Kindern nach Nashville zog. Witzigerweise kannte ich nur seinen Künstlernamen als Musiker: Anthony Shade. So heisst es im Song also: "Anthony left LA", was mir fragende Blicke von Sherry einbrachte, als ich ihr den Song vorspielte: "Warum Anthony? Er heisst Jerry". Wir hatten das Missverständnis schnell gelöst, behielten aber den Text bei.

 

In den Wochen nach meiner Zeit in Nashville entstanden weitere Songs wie der "Crazy Country Hopper", oder "Angel of Nashville", den ich Pippy Lorraine gewidmet habe und der sehr genau beschreibt, was sie noch alles für mich getan hat. Ich stand regelrecht unter Strom und täglich kamen neue Songs aus mir heraus. Ich pflegte meine Nashville-Kontakte aus der Ferne. Tatsächlich war ich jedoch zwei Monate später wieder in der Stadt: "Angel of Nashville" hatte mich unter die Finalisten eines Songwriter-Wettbewerbes in Nashville gebracht, der eigentlich nur für Amerikaner gedacht war aber sie machten eine Ausnahme für mich. Dank Don und Karen McNatt hatte ich auch eine Bleibe in der Stadt und so flog ich bald zurück nach "Nashvegas", mit "Angel of Nashville" und "Bring me some water" im Gepäck. 

 

Der Wettbewerb war ein großer Spass. Ich schloss neue Freundschaften mit Rick Stewart, Mercedes Montgomery, Debbie Champion, sowie Rich Eckhardt, der in der Band von Toby Keith Gitarre spielt und auch Künstler wie Jerry Lee Lewis oder Sammy Hagar in der Liste seiner Referenzen hat. Rick hat eine Großmutter, die aus Österreich stammt und so hatten wir eine Menge Spaß beim Versuch, uns auf Deutsch zu unterhalten. Was soll ich sagen: Ich schaffte es nicht auf die Siegertreppe aber "Dabeisein ist alles". Und wir hatten Spaß.. eine Menge!

 

In den nächsten Tagen traf ich mich, zusammen mit mehreren Songwriter-Kollegen, mit einem Musikverleger, dem jede/r von uns einen eigenen Song von CD vorspielen durfte. Er war sehr freundlich, konnte sich aber für keinen der Songs erwärmen. Ich war als letzter dran und hatte mehrmals seine Worte: "Ich will etwas Aussergewöhnliches hören" gehört. So legte ich die CD mit "Angel of Nashville" beiseite und spielte ihm stattdessen "Bring me some water" vor. Eigentlich ein logischer Entschluss, Songs über Typen, die von scharf gewürzten Chicken Wings zu Boden gedrückt werden, hört man nicht alle Tage. Er amüsierte sich königlich und bat mich, ihm eine CD dazulassen. Ausser mir kam nur Deanna Salerno in den Genuss dieser Ehre. Wir schrieben später zusammen "Just a girl", doch zurück zur Geschichte:

 

"Bring me some water" löste überall in Nashville die gleichen Reaktionen aus: Bei den Auftritten kringelten die Leute sich vor Lachen und es gab stürmischen Applaus. Von Seiten der Musikindustrie gab es zahlreiche "I love this song, Fred. Can i have a CD?" aber so richtig anbeissen wollte keiner. Wohl auch, weil der Song überhaupt nicht Country ist. Sechs Monate später unterschrieb ich dann einen Vertrag über die Verwendung des Songs in der Kochsendung der Saucy Sisters. "Bring me some water" lief sechs Monate im Nashville Radio und sorgte dafür, dass man mich nicht so schnell vergaß.

 

Alles ging steil bergauf: Ich trag in Kirsti Mannas Show auf und spielte zahlreiche Shows in Nashville. Ein Musical über die Blueslegende Robert Johnson, der einer der Haupteinflüsse von Eric Clapton ist, sollte Songs von mir enthalten ("What kind of man will i become?", "At the crossroads") und ich hatte eine Ausschreibung über einen Filmtitelsong gewonnen. Und ich hatte ein Trio mit einer Gitarristin und einer Sängerin gegründet: "Familiar Souls", mit dem ich in Deutschland erfolgreiche Auftritte absolviert hatte. Das erste Album war in Arbeit und Don und Karen McNatt wollten in Deutschland mit mir auf die Bühne gehen. Ich war mittlerweile hauptberuflicher Komponist und Solokünstler und mit Ibanez hatte sich einer der wichtigsten Hersteller von Gitarren und Bässen bereit erklärt, mich zu unterstützen. Es ging mehr als steil bergauf und es schien, dass nichts mich jetzt noch stoppen konnte. Ich sprang, glücklich vor Freude, auf einem Boden herum, den nichts zerstören konnte. Zumindest dachte ich das aber das Schicksal hatte andere Pläne und mir standen herbe Tiefschläge bevor, die mich aber zuletzt auf die richtige Spur bringen würden. 

 

Ich weiss nicht mehr, in welcher Reihenfolge alles zerplatzte aber es spielte sich alles in recht kurzer Zeit ab. Ich hatte eine Ausschreibung über einen Filmtitelsong gewonnen und schliesslich mehrere Songs für den Film komponiert. Einer davon war bereits im Teaser-Trailer zu hören, als es zu einer heftigen Auseinandersetzung bezüglich der GEMA-Rechte für die Stücke ging, die ich geschrieben hatte. Um Mitternacht läutete das Telefon und die Botschaft war so kurz wie simpel: "Du verzichtest auf Deine GEMA-Rechte, oder Du bist gefeuert". Das Ganze wenige Wochen vor der öffentlichen Präsentation des Titelsongs. Ich weiss nicht, wie oft ich seit 2008 das Spiel erlebt habe, dass Du als Künstler geschäftliche Vereinbarungen eingehst und dann kurz bevor es losgeht kommt mein (mittlerweile...) Lieblingssatz:

 

"Ich/Wir habe/n nochmal darüber nachgedacht und wir werden es nicht so machen (wie wir es zugesagt haben). Ich/Wir möchte/n, dass unsere Vereinbarung (die für beide Seiten fair war) abgeändert wird (und zwar dahingehend dass der Künstler der Arsch ist). Oft dann verbunden mit der Ergänzung: "Du musst nicht darauf eingehen aber denk daran, dass Du dann nicht berühmt wirst". Liebe Leute: Die besten Vereinbarungen sind in Deutschland oft nicht das Geringste wert, weil irgendjemand sich immer finden wird, der nach dem Adenauer-Motto lebt: "Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern?". 

 

Jedenfalls war ich nicht bereit, hier mitzuspielen und so war die Episode "Filmmusik" für´s Erste beendet. Ich gab auf meiner damaligen Homepage die Beendigung der Zusammenarbeit bekannt, ohne Gründe zu nennen. Alles nur fair. Auf der Filmseite wurde ich aus allen Seiten getilgt, als hätte es mich nie gegeben und auf Youtube lief weiterhin der Teaser mit meiner Musik(....).  Schliesslich war der Spuk dann zu Ende.

 

Kurz darauf schrumpfte Familiar Souls vom Trio zum Duo. Eine traurige Sache, da wir nur noch fünf Songs aufzunehmen hatten, um unser Album rauszubringen aber das Privatleben geht vor. Nun waren wir ein Duo aber anstatt die fünf Songs aufzunehmen und die verdammte CD zu veröffentlichen, löste Familiar Souls sich ganz auf. Ich stand also alleine da, mit einem Stapel Bestellungen für "die neue Fred Guggenberger CD" und nichts ging mehr. Die Auftritte mit Don und Karen McNatt waren in dieser schwierigen Zeit ein echtes Highlight und wir kamen sehr gut an. Beim zweiten Konzert kamen die Gäste teilweise aus Österreich und Berlin angereist. Super! Die Probleme waren trotzdem weiterhin da. Aber ok, immerhin hatte ich nun alle Zeit zur Verfügung, um mich komplett auf das Musical zu konzentrieren. Leider sprachen ein paar Leute von einer Wirtschaftskrise (oder war es die Finanzkrise?) und plötzlich waren alle Sponsoren wie die Wichtel im Wald verschwunden. Es waren bereits großen Namen an Bord und dann starb die Kiste von einen Tag auf den anderen. Kein Film, kein Musical, Familiar Souls waren Geschichte und ich mußte ein Album auf Termin abliefern, dass es nun nie geben würde. 

 

Ich machte aus der Not eine Tugend und griff tief in die Schublade der neuen Songs. "Marching to Thanatos" hatte ich für den Film geschrieben. "30 years of tears" war für mein  Album "Michigan Avenue" geplant, dass nach dem Album "Familiar Souls" erscheinen sollte. Ebenso "Girl from the northeast". Dann hatte ich ja noch "Angel of Nashville" und "Bring me some water", den Song aus der Kochsendung. Aus dem Musical Fundus war "Blue Water" da, ein Blues Instrumental und vom Familiar Souls Album hatte ich "Where is my home?", zumindest ein paar Spuren waren noch übrig und so baute ich eine Mini-Version des Stückes zusammen, die ohne Schlagzeug und Sängerin auskommen musste. Ich musste ein Album fertig stellen. Von den Live-Auftritten mit Don  und Karen waren mehrere Aufnahmen vorhanden und ich nahm eine Live-Aufnahme von "Angel of Nashville " und eine von "Devil´s in the bottle", dazu "Der wahre Superstar" und mit etwas Nut und Feder, so wie guten Nägeln schusterte ich daraus ein Album. Ich nannte es "Michigan Avenue", der Titel, den ich eigentlich für ein anderes Album reserviert hatte aber so war es nun mal. Ich konnte meine Verpflichtungen erfüllen und hatte sogar ein Zweitalbum am Start, dass deutlich besser klang als "Let me in" und musikalisch eine deutlich größere Bandbreite beinhaltete. Die Reaktionen waren sehr positiv, allerdings tauchte auch hin und wieder die Frage auf, welche Art von Musik dieser Guggenberger denn nun machen würde? Das Album wäre wie eine Werkschau: Totale Abwechslung aber kein roter Faden. 

 

Ich denke, wenn man die schwierigen Umstände der Entstehung bedenkt, kann man mit diesen Dingen leben und es ist ja auch eine gute CD geworden. Allerdings ein Album, dass in wenigen Wochen fertig sein musste, was nicht wirklich Spass machte. Ich hätte lieber mehr Zeit dafür gehabt und einige Dinge besser ausgefeilt. Ich ließ eine kleine Auflage davon herstellen, die Ruck-Zuck weg war und schon liefen die Pressmaschinen erneut. Immerhin...

 

Das gedroppte Musical mitgerechnet hatte ich nun also ein halbes Jahr für nichts und wieder nichts gearbeitet. Und auch wenn manche Leute meckern, dass Künstler nichts arbeiten: Ich hatte fast jeden Tag bis in die Morgenstunden das Studio belagert und dort gearbeitet. Das Problem war, dass es kein Musical gab, keine Konzerte mit Familiar Souls und der Kühlschrank musste trotzdem irgendwie gefüllt werden. Künstlerleben, ich liebe Dich auch wenn es nicht immer einfach ist.

 

Dazwischen hatte ich noch zwei Plattenverträge abgelehnt, die mich arm gemacht hätten. Immerhin auch mal ein Erlebnis, als Künstler derjenige zu sein, der "Nein" sagt. Ansonsten musste ich jedoch die Absagen einstecken. Neueste Begründung: "Sie machen Musik für alte Menschen, über 20". Ach, das habe ich ja schon erzählt..

 

Es ist Anfang 2009 und Fred Guggenberger knurrt der Magen.

 

 

Hinzu kam, dass ich in musikalischer Hinsicht blockiert war und nichts Neues auf die Reihe brachte. Dies hatte mehrere Gründe: So sehr die musikalische Vielfalt auf "Michigan Avenue" auch gelobt wurde, so problematisch war es nun auch, daran anzuknüpfen. Ich erhielt Emails von Leuten, die mir Sachen mitteilten wie: "Blue Water ist meine Lieblingsnummer. Das Orchesterstück ist nicht so meine Sache. Bitte mach als nächstes ein reines Bluesalbum", oder "Ich liebe die Countrysongs. Kannst Du auf dem nächsten Album das andere Zeugs weglassen und nur Country machen?". Und während ich auf "Let me in" (mit Erfolg) den einzigen Maßstab angelegt hatte, dass ich mit den Songs glücklich sein musste, begann ich nun zu überlegen, was die Leute von mir hören wollten. Irgendwie hatte jede musikalische Seite an mir ihre Freunde gefunden doch all diese Facetten auf einem Album zu kombinieren, schien keine gute Idee zu sein. 

 

Doch auf welchen Stil sollte ich mich festlegen? Und war ich bereit, die anderen Dinge dafür beiseite zu legen? Konnte ich damit leben, nur noch Country, oder nur noch Blues oder nur noch Mandolinenstücke, oder nur noch Rock oder... zu machen? Es mag seltsam klingen aber es warf eine Grundsatzfrage auf:  Wer war ich wirklich und was wollte ich wirklich machen?

 

Heute weiss ich, dass solche Überlegungen illusorisch sind. Es ist als müsste ich auf meine Arme verzichten, weil jemand lieber meine Beine sehen will, oder umgekehrt. Aber damals hielt es mich "am Wickel" und liess mich nicht los. Wenn ich Auftritte buchen wollte, oder Radiosender kontaktierte, wurde ich stets gefragt, welche Musik ich machen würde. Es war schwer, dies in ein, zwei Worten zu beantworten. "Vielfalt ist Karrierekiller Nummer 1, es muss sich alles gleich anhören", so die frohe Botschaft, der ich folgen sollte und doch nicht konnte. 

 

Immerhin hatte man mich in Nashville nicht vergessen. 2009 stand ich wieder mit Künstlern aus Nashville auf der Bühne. Neben Don und Karen McNatt waren dieses Mal auch die Hitkomponistin und Fernsehstar Kirsti Manna, der Musikproduzent und Tontechniker Bill Warner (Garth Brooks, Trisha Yearwood, Lynn Anderson), sowie die wundervolle Ashley Rose dabei, die zu der Zeit an ihrem Debütalbum arbeitete. Die Shows waren großartig aber als sie vorbei waren, hatte ich immer noch keine Lösung für mein "Problem Vielfalt" gefunden.

 

Das zweite Problem bestand darin, dass ich plötzlich nicht mehr zufrieden mit meiner Musik war. Ich schrieb Songs für ein Album und plötzlich gefielen sie mir nicht mehr. "Das kann ich noch besser". Also wieder von vorne mit dem gleichen Endergebnis. Ich drehte mich im Kreis und innerhalb eines Jahres landeten einhundert  neue Songs auf dem Müll. Ich versuchte ich alles, um den "perfekten Song" zu schreiben, das "perfekte Album" zu produzieren und warf jedes mal alles wieder weg, weil es nicht "perfekt" war. Ich steckte fest in einem Gefängnis, dass ich mir selbst gebaut hatte. 

 

Und plötzlich stellte ich nicht nur meine Musik sondern alles in Frage. Es war die beste Entscheidung und längst überfällig...

 

November 2010

 

Ich bin kritischer geworden. Und ich habe wieder zu mir selbst zurück gefunden. Ich betrachte die Vielfalt nicht mehr als Fluch, sondern als Segen. Und die neuen Songs sind besser als alles, was ich bisher gemacht habe. Ein neues Album ist in Planung. Alles frei und ohne Druck. Ich muss damit zufrieden sein. Die Erfahrung hat gezeigt dass, wenn ich damit zufrieden bin, die Leute es auch sind. Wenn ich anfange, mir den Kopf zu zerbrechen, was die Leute von mir hören wollen, kommt eh nur gekünsteltes heraus und davon gibt es schon genug in der Welt.  Ich setze mich mit dem neuen Album nicht unter Druck. Wenn es fertig ist, wird es fertig sein und wenn es mir nicht gefallen sollte, ist es eben auch noch nicht fertig. Punkt. Ich habe zulange geglaubt, man könnte alles planen und stand dann überrascht da, wenn alles anders kam. 

 

Man könnte bemängeln, dass es für den "ganz großen Erfolg" doch nicht gereicht hat. Aber was ist der große Erfolg? Wenn man dahingehend definiert, so berühmt wie Robbie Williams zu sein, dann stimmt es wohl, dass ich es nicht geschafft habe. Aber wenn man von dem Jungen aus Bayern spricht, den sie früher in der Schule regelmäßig die Birne weich geprügelt haben, weil er auf Elvis und Bill Haley stand, anstatt Kajagogo und Limahl zu hören und der auch danach regelmäßig mit seiner Musik aneckte, so muss man sagen, dass der Junge es weit gebracht hat. Auftritte, Freunde und eine Menge Akzeptanz in den USA, Radio-Einsätze in sieben Ländern, 13 Top-10 Songs im weltweiten Internet und Fans und Freunde von Australien bis Portland. Und ich habe mehr Freude an der Musik als je zuvor. Mission erfüllt!

 

 

 

 

 

"Songwriter needs help" - Eine Geschichte, die erzählt werden muss.

 

 

Ich habe in der Bio ein Kapitel ausgelassen, da die Ereignisse, die es erzählt, meiner Meinung nach so aussergewöhnlich sind, dass sie ihren eigenen Platz verdient haben:

 

Ich kam aus Nashville zurück und war überglücklich. Ich schwebte auf Wolke sieben. Die Freude wurde bald überschattet, als ich wieder einmal meiner neuen Gewohnheit nachging: Im Internet die Nashville Zeitung zu lesen. "Benefit for Lorna Flowers" lautete die Schlagzeile. Was war geschehen? Nun, Lorna stammte aus Großbrittanien und war in die USA ausgewandert, um es in Nashville zu schaffen. Im Zuge des Umzugs war sie kurze Zeit ohne Krankenversicherung und als sie in den USA eine Krankenversicherung abschliessen wollte, wurde Krebs diagnostiziert, mit dem Ergebnis, dass sie keine Versicherung bekam. Lorna entschied sich zu bleiben und dem Krebs die Stirn zu bieten nur reichte das Geld irgendwann nicht mehr für die Behandlungen und der Krebs hatte sich massiv in ihrem Körper ausgebreitet. Ich hatte eine Woche in ihrem Haus gewohnt und wir waren in der kurzen Zeit sehr gute Freunde geworden aber sie hatte sich nicht das Geringste anmerken lassen und war immer fröhlich gewesen. Tatsächlich hatte sie sich für mich eingesetzt, wo es nur ging und mich in ihren Freundeskreis eingeführt.  Nun stand ihr Leben auf der Kippe und dass die Regierung ihr die Greencard verweigerte (sie war auf VISA-Basis für drei Jahre ins Land gekommen), war der finale Nackenschlag für sie. 

 

Und nun marschierte die Musikszene in Nashville auf und organisierte unter dem Motto "Benefit for Lorna Flowers" eine gewaltige Unterstüzungsmaschine: Es gab ein Benefiz-Konzert, bei dem alles was in der Songwriter-Szene Rang und Namen hatte, umsonst auf die Bühne ging, um Geld für sie zu sammeln. Musikverleger an die man sonst kaum herankommen konnte, ließen Termine mit sich bei Ebay versteigern, nach dem Motto: "Hilf Lorna und vielleicht kann ich Dir auch helfen". Einiges mehr fand statt und es war unglaublich zu sehen, wie eine ganze Stadt auszog, um der kleinen, großen Frau aus England zu helfen.

 

Ich wollte auch nicht nachstehen und rief über das Internet mit "Songwriter needs help" zu Unterstützung für Lorna auf. Ich schilderte auf der Site, wer Lorna war und was los war und gab meine Musik zum kostenlosen Download frei. Dies verbunden mit der Bitte, statt Geld für die Musik zu bezahlen, einen frei wählbaren Betrag an das Spendenkonto, dass in Nashville für Lorna eingerichtet worden war, zu überweisen. Die Resonanz war sehr gut und zu meiner großen Freude beteiligten sich weitere Künstler daran: Akascht aus München, "Wir sind wir" aus Wien und Chris Caffary, der Gitarrist von Savatage und Doro Pesch. Wieviel Geld über die Seite eingenommen wurde, weiss ich nicht, da die Leute direkt an das Spendenkonto überwiesen und auf dieses Konto auch alle anderen Spenden gingen. Fakt ist, es war das Beste, was ich tun konnte. Eine nette Anekdote dazu am Rande: Ich bin mit einem farbigen Künstler aus Portland befreundet. Er macht Funk und ist bei einer Plattenfirma unter Vertrag. In unseren zahlreichen Emails habe ich ihm von meiner schönen Zeit in Nashville erzählt und er freute sich für mich, meinte aber, er würde nie dorthin gehen, "in den Süden, wo die ganzen Rassisten sitzen". Als er die Sache mit Lorna mitbekam, schickte er mir überraschend eine Email und teilte mir mit, dass sein Manager es ihm nicht erlauben würde, Musik zum kostenlosen Download anzubieten, also würde er Lorna direkt Geld schicken. 

 

Schliesslich war die Hilfsaktion durch und als der Jubel über all die Unterstützung sich wieder gelegt hatte, kam die Ernüchterung: Es war viel Geld eingegangen aber es reichte nicht, um alle Chemotherapien zu bezahlen. An dieser Stelle geschah das nächste Wunder: Die US-Regierung hatte die ganze Sache mitbekommen und schaltete sich nun ein. Der Wortlaut ging ungefähr so: "Wenn sich unsere Leute hier in Nashville so für diese Frau aus England einsetzen, dann muss sie etwas besonderes sein. Sie bekommt die Greencard, darf hierbleiben und wir legen den noch fehlenden Betrag für die Chemotherapie auf den Tisch".

 

Die Geschichte ist ein wundervolles Beispiel dafür, was geschehen kann, wenn nur genügend Menschen zusammen etwas tun und sich für das gleiche Ziel einsetzen. Es kann sogar Regierungen dazu bringen, ihre Entscheidungen wieder rückgängig zu machen und Hilfe zu leisten. Das letzte was ich von Lorna hörte war, dass die Ausbreitung der Krebszellen gestoppt werden konnte. Damit ist sie noch nicht "über den Berg" aber wenn ich bedenke, wie rasend schnell und unbarmherzig die Krankheit sich in ihrem Körper ausbreitete, so ist es ein sehr großer Schritt vorwärts. Und sie hat alle Chemotherapien überstanden, ohne ein einziges Haar zu verlieren! Ihr Haar strahlt immer noch schwarz, ohne dass sie hätte nachfärben müssen. Ein Beweis dafür, wie stark diese Frau ist. Und sie ist mittlerweile eine gefragte Produzentin in Nashville. 

 

Gott segne sie und alle, die geholfen haben, dies zu erreichen.